logo
zurueck

 

Hier ein online Musikmagazin mit einem aktuellen Interview:

 

Ein Interview von Dirk Leukroth für den HR zum neuen Album "Coming Home At Last" 2006

und ein

Radio Interview (in Englisch) auf Radio Goethe zu hören

http://www.radiogoethe.org/audio/lux.mp3

X-Centric März 2002

...gemeinsam weiterbewegen!
Kaffee trinken mit Christina Lux ist mal was anderes. Es gibt frisch gepressten Orangensaft, knackige Croissants und CDs. Schmeckt gut.
Vor allem die Musik, die Lux selbst als "acoustic soul goes funky folk" bezeichnet.

Fakt ist: Alle drei CDs von Christina Lux sind zum genussvollen Verzehr dringend anempfohlen.
Ein kleiner Gruß an den vor einem Jahr verstorbenen Kollegen Ralph Otto sei an dieser Stelle auch erlaubt. Er hat das Lux bereits 1997 entdeckt und dem Schreiber dieser Zeilen ans Herz gelegt.

Im Gespräch zeigt sich eine sensible, hoch motivierte und ausdrucksstarke Künstlerin, die Gitarre und Stimme wie Papier und Stift benutzt und Geschichten voller Wärme und Energie erzählt, wunderschön ausbalanciert zwischen laut und leise, verträumt und hellwach, kraftvoll und zerbrechlich. Ab und zu berührt Lux in ihren Texten schmerzhaft-schöne Seiten. Doch ein bisschen Melancholie ist immer erlaubt.

? Was ist die treibende Kraft für dich, auf der Bühne zu stehen und Songs zu schreiben ?
In erster Linie ist es die Verarbeitung, von Erlebtem. Das passiert in allen Ebenen. Es kann ein politisches Ereignis sein genauso wie ein Persönliches. Ich suche immer nach der Essenz des Ganzen, nachdem, was die Seele dazu sagt und welche Bilder davon erzählen. Dann gehe ich weiter damit auf die Reise. Oft sind es Fragmente, Zeilen die mich immer wieder beschäftigen. Wenn sie bleiben werden sie zu Songs, manchmal verlieren sie sich einfach wieder. Vielleicht würde ich langsam leer werden ohne dieses Ventil.


?Ist Musik für dich ein Mittel, die Welt zu erkennen oder aus ihr zu fliehen?

Es ist ein Mittel um mich selbst zu erkennen. Durch die Begegnung mit dem Publikum werden meine Gefühle und Gedanken plötzlich in ein offenes Bild gerückt. Eins, dass die Dinge für mich klarer sichtbar macht. Das geschieht oft auch über direkte Reaktionen: Gespräche nach Konzerten oder Mails. Zu Beginn meiner Solokarriere war mir das erst gar nicht so bewusst. Der Austausch mit den Leuten hat mir sehr viel deutlicher gemacht, warum ich mich auf eine Bühne begebe. Wenn ich viel von mir auf der Bühne zeige, spüre ich oft, dass das auch bei den Zuschauern Gefühle und Gedanken anstößt. Es ist fast so, als ob man sich gemeinsam weiter bewegt. Sehr spannend.

? Gab es einen radikalen Auslöser für dich, Musik zu machen?
Radikal würde ich nicht sagen. Da gab es diese Gitarre und das Bedürfnis zu spielen, Noch früher hatte die Band Guru Guru bei uns für eine ihrer Touren geprobt, im großen Bauernhaus meiner Eltern. Das war beeindruckend.

? Welche Musik bzw. welche Musiker inspirieren dich?
All die Musiker, die Musik aus dem Herzen machen. Mit der seichten Popindustrie habe ich so meine Probleme und das nicht, weil ich es doof finde großen Erfolg zu haben, sondern weil ich gerne Menschen sehe und höre, die ihre eigene Meinung, Gefühle und Gedanken zeigen. Es ist inspirierend für mich das zu spüren.
Ich liebe tolle Sänger: Eva Cassidy, Erikah Badu, Donnie Hathaway (nicht zu verwechseln mit Herrn Haddaway), Roachford, Meshell Ndegeocello, Aretha Franklin und noch viele mehr. Es ist das überproduzierte Glatte, was mich nicht berührt.
Heute werden Themen "gesignt" und Produkte hergestellt statt Musiker unterstützt, die bewegen können. Da muss man eigene Wege für sich finden.

? Du hast für dich einen eigenen Weg gefunden. Nach Mitwirkung bei diversen Künstlern hast du dich 1998 quasi selbständig gemacht. Mittlerweile gibt es drei Solo-Platten von dir...
Mit der Unterstützung von lieben Freunden habe ich die ersten Schritte gemacht. Klaus Genuit, ein phantastischer Tonmann, hat mir sein Studio zur Verfügung gestellt für die ersten Schritte und mit mir produziert. Auf der ersten Platte "She is me" hab ich teilweise mit Loops gearbeitet, bei einem Song die komplette Band mitgenommen und bei "Little Girl" ein Experiment gewagt mit einem kleinen Drum composer. Klaus und ich sind ein gutes Team und ich kann mit ihm ganz entspannt meine, größtenteils komplett live eingespielten, Tracks aufnehmen. Nach der ersten Platte und den ersten Presse-reaktionen fing das Lux sich langsam an zu bewegen. Ich fing an meine Gigs selbst zu buchen und konnte da natürlich glücklicherweise auf vielen alten Kontakten einiges aufbauen.

? Sich um beinahe alle Dinge selbst zu kümmern, ist eine Menge Arbeit. Machst du das, um die Kontrolle zu behalten?
Kontrolle im Sinne von "Wissen was geschieht" ist okay. Nimm zum Beispiel Presseartikel: Da gibt es Texte, die in eine bestimmte Richtung gehen, in der ich mich aber gar nicht sehe. Die Texte, die über mich geschrieben werden, sollen etwas von mir erzählen. Wenn sich das darauf reduziert, dass jemand schreibt, "...die hat mal vor 85 Jahren bei der und der Background gesungen", dann ist das nicht das, was mich ausmacht.

? Was glaubst du, ist für einen Besucher deiner Konzerte wichtig?
Ich denke, es ist die Möglichkeit, sich in sich selbst fallen zu lassen. Gerade gestern habe ich eine Mail gekriegt, in der eine Frau schrieb, dass mein Konzert für Sie das totale Schlüsselerlebnis gewesen ist. Dass sie begriffen habe, dass sie ein wertvoller Mensch ist und sie eine wichtige Entscheidung treffen konnte. Und das ist gar kein Einzelfall. Es gibt Leute, die schreiben mir, dass meine Songs ihnen so nahe gegangen sind, dass sie ihren Schmerz Ioslassen konnten.
Versteh' mich nicht falsch: Ich bin nicht der große Heiler. Ich mache das auch für mich.

? Inwiefern?
Wenn ich öffentlich meine Verletzbarkeit zeige, ermögliche ich mir selbst die Auseinandersetzung mit meinen Gefühlen. Wenn man das nicht live erlebt hat, klingt das etwas pathetisch. Das ist es nicht. Wir leben in einer wahnsinnig schnellen Zeit, in der vieles nur an der Oberfläche passiert und nur wenige sich die Zeit nehmen, sich zu fragen: Hey, wo bin ich? Wer bin ich? Für mich ist es essenziell, sich mit sich selbst auseinander zusetzen. Wenn ich mich selbst verstehe, kann ich auch andere verstehen und Mitgefühl entwickeln.

? Wie hältst du die Spannung, den Dialog mit dem Publikum während des Konzertes aufrecht?
In dem Moment, wo ich über Technik nachdenke, habe ich verloren. Ich versuche die ganze Zeit so nah wie möglich an der Geschichte und bei den Emotionen zu bleiben. Was erzähle ich da? Was hat mich daran berührt? Dadurch entsteht eine Spannung, so wie bei einer guten Geschichte. Du willst jedes Wort hören und bist gespannt auf den nächsten Gedanken.

? Ist das Publikum mit verantwortlich für einen gelungenen Gig?
Ich spiele glücklicherweise inzwischen selten in Clubs, wo geredet wird während des Gigs. Die Erfahrung der ungeteilten Aufmerksamkeit ist etwas ganz Besonderes. Erst da komme ich in den Kontakt mit dem, was ich eben als essenziell bezeichnet habe. Plötzlich kommt gleichzeitig ein fettes Gefühl von Vertrauen mit dazu. Die Leute zeigen über den Applaus ihre Anerkennung. Oft sehe ich jemanden, der die Augen schließt und einfach genießt. Das ist toll. Insofern schätze ich Leute mit Respekt und der Fähigkeit zuzuhören sehr.

? Wie kann man dieses Feeling auf einer "toten CD" vermitteln?
Das Ist schwer. Ich versuche ich ein ähnliches Gefühl herzustellen wie bei einem Gig. Möglichst viel live einspielen, um den Moment zu erwischen.
Auf der aktuellen CD "Pure love" sind, außer zwei Studiobracks, nur Live Mitschnitte von Solokonzerten.

? Du bist schon geraume Zeitmusikalisch unterwegs. Was hat sich für dich geändert?
Ich bin jetzt 20 Jahre auf der Bühne, davon die letzten Jahre fast ausschließlich solo unterwegs. Die Klarheit und die Freiheit, genau das zu tun, was mir Spaß macht und mich treibt, gibt es erst jetzt als Summe aus all den Jahren. Glücklicherweise unterstützt mich Fred Starkowski von Procon mit einer tollen kleinen P.A. von AER, sowie Lakewood Guitars mit einer herrlichen Gitarre. Ich reise meistens ohne Techniker und mache alles vom Aufbau bis zur Technik selbst. Das sind alles Dinge, die es möglich machen, dass ich mich und meine Familie von meiner Musik auch versorgen kann.

? Deine Wurzeln sind in Kassel - deine Mutter führt das wunderbare Flux in der Obersten Gasse - und du lebst jetzt wieder hier. Spürst du eine besondere Atmosphäre, wenn du in Kassel Konzerte gibst, so wie am 22. März?
Auf jeden Fall. Das erste Mal, als ich im Schlachthof gespielt habe, wusste ich nicht, was passiert. Der Veranstalter auch nicht. Und dann war es so voll, dass 50 Leute wieder weggeschickt werden mussten. Und viele waren da, die mich aus meiner Anfangszeit kannten und einfach mal sehen wollten, was ich jetzt so mache. Das war spannend. Und am 22. März bin ich schon zum vierten Mal im Schlachthof. Ich freue mich sehr auf das Konzert.

? Sting macht Yoga, David Bowie chattet auf seiner Website mit den Fans. Was machst du als Ausgleich?
Zuerst kommt da meine Familie. Dann verbringe ich recht viel Zeit mit dem Beantworten von Mails. Die schöne Website www.christinalux.de hat übrigens meine Schwester Franziska Lux gebaut. Fanmails sind erstaunlich. Auf diese Weise erfahre ich eine Menge über das, was sich noch so alles in den Köpfen und Herzen der Leute bewegt. Außerdem liebe ich es, mich auf langen Spaziergängen wieder aufzutanken.

? Bist du glücklich?
Ja! Ich habe ein Riesengeschenk mit meiner Musik.
Ich kann damit ungeheuer wachsen. Und ich kann all das in großer Freiheit tun. Keine Company, die mir sagt wie und was. Das heißt nicht, dass es nicht manchmal hart und frustrierend ist. Inzwischen weiß ich wie ich ticke, und deshalb arbeite ich gerade daran ein Team aufzubauen. In dieser Richtung bewegen sich gerade spannende Dinge. Ich bin jetzt an einem Punkt, wo die Leute nicht mehr mit Sprüchen kommen wie: Hey, babe, super potential, sondern vielmehr sagen: Toll, was du da machst, ich kann dir helfen das weiter zu bewegen.
Pure love ist jetzt bei BSC Music versorgt, was mich riesig freut.
Die nächste Platte wird etwas Neues bringen. Ich freue mich schon sehr darauf.

Das Interview führte Tino Joffroy.
joffroy@just-in-team.de