|
?
Was ist die treibende Kraft für dich, auf der Bühne zu stehen
und Songs zu schreiben ?
In
erster Linie ist es die Verarbeitung, von Erlebtem. Das passiert in allen
Ebenen. Es kann ein politisches Ereignis sein genauso wie ein Persönliches.
Ich suche immer nach der Essenz des Ganzen, nachdem, was die Seele dazu
sagt und welche Bilder davon erzählen. Dann gehe ich weiter damit
auf die Reise. Oft sind es Fragmente, Zeilen die mich immer wieder beschäftigen.
Wenn sie bleiben werden sie zu Songs, manchmal verlieren sie sich einfach
wieder. Vielleicht würde ich langsam leer werden ohne dieses Ventil.
?Ist Musik für dich ein Mittel, die Welt zu
erkennen oder aus ihr zu fliehen?
Es
ist ein Mittel um mich selbst zu erkennen. Durch die Begegnung mit dem
Publikum werden meine Gefühle und Gedanken plötzlich in ein
offenes Bild gerückt. Eins, dass die Dinge für mich klarer sichtbar
macht. Das geschieht oft auch über direkte Reaktionen: Gespräche
nach Konzerten oder Mails. Zu Beginn meiner Solokarriere war mir das erst
gar nicht so bewusst. Der Austausch mit den Leuten hat mir sehr viel deutlicher
gemacht, warum ich mich auf eine Bühne begebe. Wenn ich viel von
mir auf der Bühne zeige, spüre ich oft, dass das auch bei den
Zuschauern Gefühle und Gedanken anstößt. Es ist fast so,
als ob man sich gemeinsam weiter bewegt. Sehr spannend.
?
Gab es einen radikalen Auslöser für dich, Musik zu machen?
Radikal würde ich nicht sagen. Da
gab es diese Gitarre und das Bedürfnis zu spielen, Noch früher
hatte die Band Guru Guru bei uns für eine ihrer Touren geprobt, im
großen Bauernhaus meiner Eltern. Das war beeindruckend.
?
Welche Musik bzw. welche Musiker inspirieren dich?
All
die Musiker, die Musik aus dem Herzen machen. Mit der seichten Popindustrie
habe ich so meine Probleme und das nicht, weil ich es doof finde großen
Erfolg zu haben, sondern weil ich gerne Menschen sehe und höre, die
ihre eigene Meinung, Gefühle und Gedanken zeigen. Es ist inspirierend
für mich das zu spüren.
Ich liebe tolle Sänger: Eva Cassidy, Erikah Badu, Donnie Hathaway
(nicht zu verwechseln mit Herrn Haddaway), Roachford, Meshell Ndegeocello,
Aretha Franklin und noch viele mehr. Es ist das überproduzierte Glatte,
was mich nicht berührt.
Heute werden Themen "gesignt" und Produkte hergestellt statt
Musiker unterstützt, die bewegen können. Da muss man eigene
Wege für sich finden.
?
Du hast für dich einen eigenen Weg gefunden. Nach Mitwirkung bei
diversen Künstlern hast du dich 1998 quasi selbständig gemacht.
Mittlerweile gibt es drei Solo-Platten von dir...
Mit der Unterstützung von lieben Freunden
habe ich die ersten Schritte gemacht. Klaus Genuit, ein phantastischer
Tonmann, hat mir sein Studio zur Verfügung gestellt für die
ersten Schritte und mit mir produziert. Auf der ersten Platte "She
is me" hab ich teilweise mit Loops gearbeitet, bei einem Song die
komplette Band mitgenommen und bei "Little Girl" ein Experiment
gewagt mit einem kleinen Drum composer. Klaus und ich sind ein gutes Team
und ich kann mit ihm ganz entspannt meine, größtenteils komplett
live eingespielten, Tracks aufnehmen. Nach der ersten Platte und den ersten
Presse-reaktionen fing das Lux sich langsam an zu bewegen. Ich fing an
meine Gigs selbst zu buchen und konnte da natürlich glücklicherweise
auf vielen alten Kontakten einiges aufbauen.
?
Sich um beinahe alle Dinge selbst zu kümmern, ist eine Menge Arbeit.
Machst du das, um die Kontrolle zu behalten?
Kontrolle im Sinne von
"Wissen was geschieht" ist okay. Nimm zum Beispiel Presseartikel:
Da gibt es Texte, die in eine bestimmte Richtung gehen, in der ich mich
aber gar nicht sehe. Die Texte, die über mich geschrieben werden,
sollen etwas von mir erzählen. Wenn sich das darauf reduziert, dass
jemand schreibt, "...die hat mal vor 85 Jahren bei der und der Background
gesungen", dann ist das nicht das, was mich ausmacht.
?
Was glaubst du, ist für einen Besucher deiner Konzerte wichtig?
Ich denke, es ist die Möglichkeit, sich
in sich selbst fallen zu lassen. Gerade gestern habe ich eine Mail gekriegt,
in der eine Frau schrieb, dass mein Konzert für Sie das totale Schlüsselerlebnis
gewesen ist. Dass sie begriffen habe, dass sie ein wertvoller Mensch ist
und sie eine wichtige Entscheidung treffen konnte. Und das ist gar kein
Einzelfall. Es gibt Leute, die schreiben mir, dass meine Songs ihnen so
nahe gegangen sind, dass sie ihren Schmerz Ioslassen konnten.
Versteh' mich nicht falsch: Ich bin nicht der große Heiler. Ich
mache das auch für mich.
?
Inwiefern?
Wenn ich öffentlich meine Verletzbarkeit
zeige, ermögliche ich mir selbst die Auseinandersetzung mit meinen
Gefühlen. Wenn man das nicht live erlebt hat, klingt das etwas pathetisch.
Das ist es nicht. Wir leben in einer wahnsinnig schnellen Zeit, in der
vieles nur an der Oberfläche passiert und nur wenige sich die Zeit
nehmen, sich zu fragen: Hey, wo bin ich? Wer bin ich? Für mich ist
es essenziell, sich mit sich selbst auseinander zusetzen. Wenn ich mich
selbst verstehe, kann ich auch andere verstehen und Mitgefühl entwickeln.
?
Wie hältst du die Spannung, den Dialog mit dem Publikum während
des Konzertes aufrecht?
In dem Moment, wo ich über Technik nachdenke,
habe ich verloren. Ich versuche die ganze Zeit so nah wie möglich
an der Geschichte und bei den Emotionen zu bleiben. Was erzähle ich
da? Was hat mich daran berührt? Dadurch entsteht eine Spannung, so
wie bei einer guten Geschichte. Du willst jedes Wort hören und bist
gespannt auf den nächsten Gedanken.
?
Ist das Publikum mit verantwortlich für einen gelungenen Gig?
Ich spiele glücklicherweise inzwischen selten
in Clubs, wo geredet wird während des Gigs. Die Erfahrung der ungeteilten
Aufmerksamkeit ist etwas ganz Besonderes. Erst da komme ich in den Kontakt
mit dem, was ich eben als essenziell bezeichnet habe. Plötzlich kommt
gleichzeitig ein fettes Gefühl von Vertrauen mit dazu. Die Leute
zeigen über den Applaus ihre Anerkennung. Oft sehe ich jemanden,
der die Augen schließt und einfach genießt. Das ist toll.
Insofern schätze ich Leute mit Respekt und der Fähigkeit zuzuhören
sehr.
?
Wie kann man dieses Feeling auf einer "toten CD" vermitteln?
Das Ist schwer. Ich versuche ich ein ähnliches
Gefühl herzustellen wie bei einem Gig. Möglichst viel live einspielen,
um den Moment zu erwischen.
Auf der aktuellen CD "Pure love" sind, außer zwei Studiobracks,
nur Live Mitschnitte von Solokonzerten.
?
Du bist schon geraume Zeitmusikalisch unterwegs. Was hat sich für
dich geändert?
Ich bin jetzt 20 Jahre auf der Bühne, davon
die letzten Jahre fast ausschließlich solo unterwegs. Die Klarheit
und die Freiheit, genau das zu tun, was mir Spaß macht und mich
treibt, gibt es erst jetzt als Summe aus all den Jahren. Glücklicherweise
unterstützt mich Fred Starkowski von Procon mit einer tollen kleinen
P.A. von AER, sowie Lakewood Guitars mit einer herrlichen Gitarre. Ich
reise meistens ohne Techniker und mache alles vom Aufbau bis zur Technik
selbst. Das sind alles Dinge, die es möglich machen, dass ich mich
und meine Familie von meiner Musik auch versorgen kann.
?
Deine Wurzeln sind in Kassel - deine Mutter führt das wunderbare
Flux in der Obersten Gasse - und du lebst jetzt wieder hier. Spürst
du eine besondere Atmosphäre, wenn du in Kassel Konzerte gibst, so
wie am 22. März?
Auf jeden Fall. Das erste Mal, als ich im Schlachthof
gespielt habe, wusste ich nicht, was passiert. Der Veranstalter auch nicht.
Und dann war es so voll, dass 50 Leute wieder weggeschickt werden mussten.
Und viele waren da, die mich aus meiner Anfangszeit kannten und einfach
mal sehen wollten, was ich jetzt so mache. Das war spannend. Und am 22.
März bin ich schon zum vierten Mal im Schlachthof. Ich freue mich
sehr auf das Konzert.
?
Sting macht Yoga, David Bowie chattet auf seiner Website mit den Fans.
Was machst du als Ausgleich?
Zuerst kommt da meine Familie. Dann verbringe ich recht viel Zeit mit
dem Beantworten von Mails. Die schöne Website www.christinalux.de
hat übrigens meine Schwester Franziska Lux gebaut. Fanmails sind
erstaunlich. Auf diese Weise erfahre ich eine Menge über das, was
sich noch so alles in den Köpfen und Herzen der Leute bewegt. Außerdem
liebe ich es, mich auf langen Spaziergängen wieder aufzutanken.
?
Bist du glücklich?
Ja! Ich habe ein Riesengeschenk mit meiner Musik.
Ich kann damit ungeheuer wachsen. Und ich kann all das in großer
Freiheit tun. Keine Company, die mir sagt wie und was. Das heißt
nicht, dass es nicht manchmal hart und frustrierend ist. Inzwischen weiß
ich wie ich ticke, und deshalb arbeite ich gerade daran ein Team aufzubauen.
In dieser Richtung bewegen sich gerade spannende Dinge. Ich bin jetzt
an einem Punkt, wo die Leute nicht mehr mit Sprüchen kommen wie:
Hey, babe, super potential, sondern vielmehr sagen: Toll, was du da machst,
ich kann dir helfen das weiter zu bewegen.
Pure love ist jetzt bei BSC Music versorgt, was mich riesig freut.
Die nächste Platte wird etwas Neues bringen. Ich freue mich schon
sehr darauf.
Das
Interview führte Tino Joffroy.
joffroy@just-in-team.de
|