"Es
gibt unzählige Wahrheiten"
Interview Verso, Kassel - Oktober 07
?Christina,
du bist seit Jahren viel unterwegs im Lande und bist
nah dran an den Menschen - bei den Konzerten und bei Gesprächen
danach. Wenn du ein Stimmungsbild dieses Landes abgeben würdest -
wie würde das ausfallen? -
Es ist so
wie ich es überall wahrnehme. Die Welt ist in Bewegung und es gibt
starke Pole. Ich treffe Menschen, die etwas wieder entdecken, (manchmal
auch durch meine Musik, was mich sehr berührt), dass sie wieder an
sich erinnert. An etwas, dass Kraft, Mut und Qualität hat. Etwas,
dass sich danach sehnt, wieder selbst Verantwortung zu übernehmen
für Innen und Außen.
Auf der anderen Seite die Unbeweglichkeit, die Furcht vor dem nächsten
Schritt, vielleicht auch vor dem in die Freiheit. Vielleicht ist das der
Grund, warum Menschen nach Gruppen suchen, denen sie angehören können.
?Glaubst du, dass du mit deinen Liedern etwa bewirken kannst?
Zuerst bewirken sie etwas in mir. Sie schreiben sich, helfen mir zu erkennen,
was in mir brodelt. Dann fangen sie offensichtlich an zu fließen
und berühren. In meinem
Gästebuch auf meiner Homepage www.christinalux.de kann man das lesen.
Und ehrlich gesagt, ich bin oft erstaunt, was es tut und es freut mich
sehr. Kleine Oasen,
Hinschauen und Nachspüren.
?Jemand,
der wie du quasi seismografisch, sein Umfeld erspürt und in Lieder
transformieren kann, hat auch ein Gefühl für Zukünftiges.
Wie sieht die Zukunft aus deiner Sicht aus?
Es gibt Bewegungen
auf dieser Erde, die mich tief rütteln. Manches macht mich hilflos.
Ich kann keinen Kampf der Kulturen entdecken, wohl aber den Kampf zwischen
monotheistischen Religionen. Offensichtlich glaubt jeder die Wahrheit
zu kennen und versucht die anderen zu missionieren. Durch Unterdrückung
und Gewalt mit unfassbar viel Hass. Ein Krieg im Namen Gottes ist für
mich ein Widerspruch in sich. Was für ein seltsamer Gott muss das
sein? Mein Song "Love is my Religion" erzählt davon. Gott
steht für mich für Liebe und das schließt ein, dass ich
nicht verletze.
Es gab eine
Zeit, in der ich fest daran glaubte, dass es wichtig sei seinen Standpunkt
zu vertreten und dafür zu kämpfen. Heute sehe ich das anders.
Bush hat mal gesagt: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich."
Das ist das Ende jeden Zuhörens und damit das Ende eines Dialoges.
Es gibt unzählige Wahrheiten. Wann immer ich in die Schuhe eines
anderen schlüpfe, oder wirklich zuhöre, kann ich dessen Wahrheit
plötzlich nachvollziehen. Bin ich damit beschäftigt meinen Standpunkt
zu manifestieren, entstehen Fronten - vielleicht der Ursprung jeden Krieges.
Wir leben auf einer Welt zusammen, wir haben verschiedene Kulturen, Religionen
und Denkweisen. Und es existiert ständige Veränderung. Ich spüre,
je fester Vorstellungen sind desto rigider gehen die Menschen miteinander
um. Es geht für mein Empfinden aber um Integration. Innen und Außen.
Ohne das fange ich an zu diskriminieren.
Ich freue
mich über den Friedensnobelpreisträger Mohammed Junus aus Bangladesh,
der mit seiner Bank Mikrokredite an arme Menschen vergibt, zu fairen Konditionen,
so dass sie sich eine Existenz aufbauen können. Oder über Al
Gores Film "Eine unbequeme Wahrheit" über den Klimawandel.
Hier sehe ich Menschen, die aufwecken und ihre Kraft in Dinge investieren,
die langfristig vielleicht zum Umdenken führen können, zu mehr
menschlichem Denken und Fühlen. Ich wünsche mir mehr davon.
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Popstars, Produzenten und die pure Liebe
KLARTEXT, SOLINGEN, Mittwoch, 29. August
2001
Mit "Pure love" veröffentlichte Christina Lux jetzt ihr
zweites Solo?Album. KLARTEXT traf die Vielseitige Sängerin in Köln.
Von Katinka Schreiber
KLARTEXT:
Ihr zweites Album heißt "Pure love". Glauben Sie an Liebe
ohne jeglichen Eigennutz
Christina Lux: Liebe ist für mich dann pur, wenn sie nicht dazu benutzt
wird, sich selbst durch einen anderen aufzuwerten. Das kann nur dann funktionieren
wenn man sich selbst wirklich annehmen kann und bedeutend Auseinandersetzung
mit den unangenehmen Seiten, die man hat. Verlustangst und Besitzansprüche,
Eifersucht und Machtspiele sind leider viel häufiger in Beziehungen
anzutreffen als pure Liebe
KT: Der Titel Ihres Albums ist gleichzeitig Programm, alle Lieder handeln
von der Liebe. Ist die Liebe das Wichtigste für Sie? Haben Sie sie
privat gefunden?
Lux: Ja, das habe ich. Ich wünsche mir Liebe
als die Grundenergie aller Dinge im Leben, fehlt sie, gerät alles
aus den Fugen. Ohne Liebe, zum Beispiel wird Macht nur noch zur Durchsetzung
eigener Interessen benutzt. Gibt es Liebe gibt es auch Mitgefühl
und Verantwortungsgefühl.
KT? In welchen Situationen kommen Ihnen die Ideen zu Songs?
Lux: Das ist ganz verschieden, meistens gibt es keinen Unterschied zwischen
dem, was Frau Lux schreibt und was sie erlebt. Wie ich am Feedback meines
Publikums oft merke, sind die Geschichten die ich in meinen Songs beschreibe
zwar meine, aber sie drücken Gefühle aus, die jeder kennt. Jeder
kennt das Gefühl der Trennung, des Verlassenwerdens, des Verliebtseins,
der Suche nach innerer Ruhe.
KT: Manche Künstler werden erst produktiv,
wenn sie eine Krise durchleben. Kann Kreativität auch eine Therapie
sein?
Lux:
Manchmal kann sie das. Es gibt Songs bei denen ich mir einfach nur dieses
traurige Gefühl erlaube und es gibt welche, die mir wieder Mut machen
aus der Traurigkeit oder Kraftlosigkeit herrauszugehen, so wie der Song
"Diggi" Er hilft mir meine Stärken wieder zu finden,
KT:
Im Gegensatz zu Ihrem Debut-Album "little luxuries" ist "Pure
Love" musikalisch ruhiger und konzentriert sich intensiver auf das
Thema Liebe.
Lux: Nicht alle Songs des neuen Album sind Liebeslieder.
In "Shelter" geht es um Selbstfindung, um den Schritt, in sein
eigenes "Seelenhaus" zu ziehen. "Believe" handelt
von einem Menschen der sich- gesehen durch die Augen eines Freundes -
verloren hat, weil er versucht hat, es allen recht zu machen, sich für
andere zu verbiegen und der sein inneres Feuer nicht mehr wahrnimmt.
KT: Sehen Sie sich in einer musikalischen Tradition?
Lux: Ich sehe mich am ehesten in der Tradition der
amerikanischen Songwriter. Die Texte sind wichtig. Mein Stil hat sich
aus der Entwicklung meiner Fähigkeiten an der Gitarre ergeben. Da
gibt es ein starkes souliges Element, das viel Groove hineinbringt Da
ich oft offene Akkorde benutze und sehr frei mit Melodien umgehe, entsteht
so bei einigen Songs der jazzige Ton.
KT: Haben Sie Vorbilder?
Lux: Vorbilder nicht direkt, aber Vorlieben. Ich
mag die Musik von Donnie Hathaway, Sting, Mesheil Ndegeocello, Roachford
und Eva Cassidy. Es sind meistens Stimmen, die mich beeindrucken. Allgemein
gehe ich nicht in den Laden, um ein Stück zu kaufen, Musik begegnet
mir irgentwo
KT: Eine Musikkarriere aufzubauen ist nicht einfach. Auf welche Widerstände
sind Sie im Laufe Ihrer Karriere gestoßen?
Lux: Bevor ich von meiner Musik leben konnte, sind Jahre vergangen, in
denen ich mich finanziell meist mit Kneipenjobs über Wasser gehalten
habe. Das waren intensive harte Aufbaujahre.
KT: Sie sind Songwriterin und Produzentin in einem.
Wie beurteilen Sie, dass Retortenstars immer mehr im Kommen sind?
Lux: Viele der sogenannten Stars, die die Popindustrie
hervorbringt sind einfach nur gut vermarktete Produkte. Ich meine damit
nicht Leute wie Robbie Williams, der ist ein toller Sänger und Entertainer
und hat einen erstklassigen Produzenten und Songschreiber. Solange die
Medienlandschaft eine Plattform für echtes Talent bietet, ist das
in Ordnung. Aber bei vielen Produzenten werden möglichst formbare
junge Menschen gesucht, die, mit einem großen Budget ausgestattet
ohne Ende gepusht werden. Dieser Nachwuchs ist oft nur noch eine Marionette
ohne Mitspracherecht - die Musik orientiert sich an den Charts.
KT: Auf diesem hart umkämpften Markt lastet auf Musikern ein ziemlicher
Erfolgsdruck. Haben Sie Ihren Weg jemals in Frage gestellt?
Lux: So lange man unabhängig bleibt gibt es
diesen Druck nicht, außer dem, den ich mir selbst mache. Solange
Menschen zu meinen Konzerten kommen und ich mich ernähren kann, ist
alles bestens. Abes es gibt auch immer wieder Phasen, in denen ich zwei
Wochen lang keine Gitarre anrühre und ohne Inspiration bin. Schöpferische
Phasen sind wie Ebbe und Flut
KT: Wie gehen Sie damit um?
Lux: Ich habe gelernt diese Phasen
zu akzeptieren und zuzulassen. Sie gehören zusammen wie Ebbe und
Flut - und dementsprechend kommen und gehen sie. Ich sehe solche Phasen
als "Sammlerzeit" für Eindrücke an.
KT: Was bringt die Zukunft?
Lux: Es wird ein neues Projekt geben in den ich
das Glück habe, als erste Künstlerin aufzutauchen. Meine beiden
ersten CDs habe ich selbst produziert. Erst jetzt fühle ich mich
stark genug, um mit einem Produzenten zu arbeiten ohne mich zu verlieren.
Ich wünsche mir eine Art Seelenverwandschaft in der jemand meine
Musik durch seine Fähigkeiten zu arrangieren und zu produzieren intensivieren
kann.
KT: Wer ist der geheimnisvolle Seelenverwandte?
Lux: Das wird noch nicht verraten!
KT: Wann kommen Sie wieder nach Solingen?
Lux: Ein genauer Termin steht noch nicht fest, eventuell spiele ich im
Herbst im Steinenhaus.
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